Reifenbreite bei M+S-Reifen

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mitsublue
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Reifenbreite bei M+S-Reifen

Beitrag von mitsublue » 29. Jan 2010 16:02

Reifenbreite bei M+S-Reifen

Gemeinhin wird häufig die Empfehlung verbreitet, im Winter möglichst schmale Reifen zu verwenden. Argumentiert wird oft mit dem höheren Flächendruck des schmaleren Reifens.
Dies stimmt schon mal meist nicht, bedingt durch den höheren Luftdruck des breiteren, flacheren Reifens und der konstruktiv höheren Steifigkeit und dem Negativanteil, ist dessen Kontaktfläche (Gesamtaufstandsfläche minus Profilnegativanteil) meist sogar etwas kleiner (d. h. der spezifische Druck dadurch höher).

Bild
Beispiel (Dunlop): 195/65R15 (1,9bar) A= 93,4cm², 205/55R16 (2,1bar) A= 87,2cm²

Der Reifenaufstandsfläche zur Straße ist bei schmaleren Reifen mehr länglich ausgeführt, bei breiteren Reifen mehr quer zur Fahrzeuglängsachse (s. obige Abdrücke).

Oft wird bei Erfahrungen / Erlebnissen statt der Breite in Wirklichkeit der Reifentyp, das Reifenalter oder die Profiltiefe oder gar der Fahrzeugtyp verglichen. Nach dem Motto: "… ich bin gestern mit meinem Golf mit schmalen Reifen den Berg hochgekommen, der BMW mit seinen breiten Reifen nicht". Vermutlich hätte es aber beim Golf mit breiteren Reifen und dem BMW mit schmalen auch nicht anders ausgesehen. Oder es war an sich der Vergleich der neuen Dunlop D3 (8 mm) mit alten Lingkong Ultra (3mm)? Oder lag es gar am Fahrer?

Vergleichstests unterschiedlich breiter Winterreifen sind relativ selten. Und wenn, oft nicht wirklich brauchbar, da außer verschiedenen Breiten die zu verglichenen Reifen auch über andersartige Profile verfügten oder ein anderer Reifentyp (d. h. unterschiedlicher Unterbau, Entwicklungsstand, Lamellierung, Gummimischung usw.) vorlag.
Ein Vergleichstest der AB Sportcars verglich 225/55R16 mit 245/40R18 (d. h. gleicher Abrollumfang). Da auch hier z. T. bei manchen Marken die o. g. Problematik vorlag (z. B. Vergleich Dunlop M3 in 240 mit dem neueren Dunlop 3D in 225) berücksichtige ich nachfolgend nur die Ergebnisse des in beiden Größen identischen Reifentyps Pirelli Sottozero.

Messwerte (%-Abweichung positiv grün, negativ rot)
Traktion auf Schnee
225: 3848N
245: 3833N (- 0,3%)

Handling Schnee (Durchschnittsgeschwindigkeit)
225: 48,5 km/h
245: 48,2 km/h (-0,6%)

Slalom Schnee (max. in m/s²)
225: 4,04 m/s²
245: 4,06 m/s² (+0,4%)

Bremsen Schnee (aus 50km/h)
225: 24,5 m
245: 24,3 m (-0,8%)

Aquaplaning längs (km/h)
225: 89,5 km/h
245: 84,8 km/h (-5%)

Handling nass (Durchschnittsgeschwindigkeit)
225: 72,4 km/h
245: 73,5 km/h (+1,5%)

Kreisbahn nass (Rundenzeit in s)
225: 12,94 s
245: 12,43 s (-4%)

Bremsen nass (aus 100km/h)
225: 55,5 m
245: 53,8 m (-3%)

Handling trocken (Durchschnittsgeschwindigkeit)
225: 129,3 km/h
245: 130,5 km/h (+0,9%)

Bremsen trocken (aus 100km/h)
225: 46,3 m
245: 45,7 m (-1,3%)

Vorbeifahrgeräusch (bei80km/h)
225: 72,9 dB(A)
245: 71,2 dB(A) (-2,3%)

Rollwiderstand (Beiwert CR)
225: 0,977
245: 0,928 (-5,2%)

Zusammengefasst: Auf Schnee nahezu gleich, bei Nässe breit etwas besser (außer bei Aquaplaning), bei Trockenheit breit in allen Bereichen besser.

Gewisse Unterschiede gibt es bei speziellen Schneeverhältnissen, schmale Reifen sind günstiger bei Nasschnee oder Schneematsch, breite sinken bei höherem, trockenem Schnee nicht so tief ein (dadurch weniger Widerstand). Günstig beim Bremsen auf Pappschnee sind breite Reifen, da sie (v. a. ohne ABS oder bei langsamer Geschwindigkeit) einen größeren Schneekeil vor den Reifen aufbauen (dessen Wegschieben mehr abbremst). Auf Eis tendentiell leichte Vorteile für die Breiten.

Außer den direkten messbaren Werten bieten flachere, breitere Reifen eine direktere Lenkansprache (dadurch mehr Fahrspaß) aber auch mehr Sicherheit, z.B. weniger Aufschaukeln bei Lastwechsel und weniger Empfindlichkeit gegen Seitenwind. Mit Grausen denke ich noch an eine Fahrt von München nach Berlin bei stürmischen Winden in einem Golf V mit schmalen Semperit-Winterreifen in Spezifikation „S“.

Außerdem hilft es der sportlichen Optik. Als echte Nachteile bleiben die etwas erhöhte Empfindlichkeit gegen Aquaplaning und bei Schneematch sowie die meist höheren Anschaffungskosten.

In über 40 Wintern bin ich immer mit rel. breiten Reifen gefahren (meist entsprechend der jeweiligen Sommerbereifung) – und das recht gut bei den unterschiedlichsten Bedingungen.


Die grundsätzliche Abneigung mancher Zeitgenossen resultiert oft auch aus Erfahrungen mit dem schmalen Format und oft auch niedrigen Geschwindigkeitsklassen (wenn’s geht Billigreifen auf schmalen Stahlfelgen). Dadurch unangenehmes, träges Fahrverhalten auf offener Strasse. Und selbst in diesem Winter: die meiste Zeit sind die Strassen eben „offen“.
Ein moderner Winterreifen (mitteleuropäische Auslegung) ca. im Format der flachen Sommerbereifung und in der Geschwindigkeitsklasse „V“ oder „W“ bringt im Winter bei „Normalbetrieb“ im Vergleich zu Sommerreifen kaum noch spürbare Nachteile auf offener Straße - bei vielen Vorteilen bei schlechtem Wetter. Ich bin auf dem GT immer 245-er Reifen (mit sportlicher Auslegung) gefahren, derzeit Michelin PA3 in 245/40R18V auf 8,5 x18.

Für schneereiche Gegenden bzw. bei Regionen mit häufigen Schneefahrbahnen (kaum geräumt) wie Skandinavien oder hohe Lagen in Österreich oder Schweiz heißt die bessere Lösung auch nicht „schmal“. Hierfür gibt es von manchen Reifenherstellern spezielle Winterreifen, die nicht den mitteleuropäischen „Autobahnkompromiss“ abdecken müssen, sondern gezielt auf winterliche Fahrbahnen ausgelegt sind, z. B. weiche, kälteresistente Mischung, spezielle Lamellierung. Geschwindigkeitsklassen meist Q bis S, max. H.
Z. B. Conti Extreme Winter Contact, Bridgestone WS60, Gislaved Nord Frost, Michelin X-Ice 2 (fahre ich in China), Nokia Hakkapellita, Pirelli Carving. Manche davon gibt es auch mit Spikes (soweit jeweils gesetzlich zulässig). Das Fahrverhalten auf offener Strasse liegt allerdings unter unseren Winterreifen in mitteleuropäischer Abstimmung, außerdem ist der Verschleiß höher.

Das mit den schmalen Reifen im Winter hält sich an Stammtischen (und seinem modernen Pedant Internet) trotzdem hartnäckig – aber was sind für diese „Spezialisten“ schon die entgegen gesetzten Erfahrungen erfahrener Techniker der Reifen- und Fahrzeughersteller aufgrund von vielen tausenden Teststunden und Millionen von km unter allen möglichen Bedingungen 8-[ .
s. a. http://www.continental-reifen.de/genera ... er_de.html

3000 GT

Re: Reifenbreite bei M+S-Reifen

Beitrag von 3000 GT » 29. Jan 2010 16:51

Fahre im Winter rundum 255/35 R19 (RS) und kann bezüglich Reifenbreite gegenüber 225/50 R17 (GT) keine starke Beeinträchtigung spüren.
Einzig das Allradsystem ist am GT wintertauglicher als das vom RS, liegt aber meiner Meinung nach an der Achsverteilung (RS 40 vorne / 60 hinten) - ja die 5% merkt man durchaus :lol: .

Auch wenn ich jetzt wieder Äpfel mit Birnen vergleiche 8-[

Gruß Thomas

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